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  • »mk1967« ist der Autor dieses Themas

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Dienstag, 29. September 2009, 15:31

Es hat zwar im SABA-Forum offenbar nicht groß Aufmerksamkeit erregt, aber letztes Wochenende ging in Villingen das „MPS-Event“ über die Bühne, mit dem das legendäre Studio von SABA/MPS darauf aufmerksam machen wollte, daß es aus dem Dornröschenschlaf wieder erwacht ist.
Es gab einen Werksverkauf fabrikneuer MPS-Vinylplatten, zwei Studiokonzerte mit dem Pianisten Wolfgang Dauner (die natürlich aufgenommen wurden) und natürlich ein 1-a-Originalambiente, Geschichte zum Anfassen. :engel:

Kein Wunder, daß das Land Baden-Württemberg das HGBS-Studio (wie es offiziell nach den Initialen des langjährigen Leiters Hans Georg Brunner-Schwer heißt) gerade zum „Kulturdenkmal von besonderer Bedeutung“ erhoben hat. Zu Recht, wie ich finde.

Das HGBS-Studio muß man ein bißchen suchen – es liegt an der Villinger Richthofenstraße. Es residiert in dem Gebäude, in dem die Familie Brunner-Schwer in den Nachkriegsjahren unterkam, als ihre Wohnhäuser von der französischen Militärverwaltung genutzt wurden. Vom Bahnhof aus läuft man ungefähr 20 Minuten.

In anziehender Weise ist hier die Zeit stehengeblieben. :oah: Das beginnt mit dem läuferbelegten Treppenhaus, das einst für den legendären Flaschenzug-Transport des großen Bösendorfer-Flügels komplett ausgebaut werden mußte. Das geht weiter mit einer ganzen Reihe seeeehr schöner Schwarzweiß-Musikerporträtfotos an den Wänden (erinnert mich an die Bilder auf den alten MPS-Hüllen) und mit dem Bürotrakt im Dachgeschoß (wo am Wochenende der Plattenverkauf stattfand). Ein weiterer Bürotrakt liegt im ersten Stock im hinteren Gebäudeteil.
Auffallend, wie sehr hier vor 40 Jahren offenbar in das Wesentliche (und nicht in schmückendes Beiwerk) investiert wurde: Die einstigen Büro-Räumlichkeiten machen einen gepflegten, aber schlichten Eindruck. Keine Spur von Repräsentation oder sonstigem Schnickschnack. Erinnerte mich ein bißchen an die Innenaufnahmen in Wim Wenders’ Film „Im Lauf der Zeit“, 1976.
Übrigens sind sogar die Sitzgruppe im Foyer und die Deckenlampen original. Man würde sich kein bißchen wundern, wenn jetzt gleich Erroll Garner oder Oscar Peterson um die Ecke käme, um sich den gerade fertigen Aufnahme-Take anzuhören ;)

Im ersten Stock also das wichtigste: Aufnahmeraum und Regie. :) Wenn nicht alles, so ist doch sehr vieles noch da – alles an Geräten, was man benötigt, um von A bis Z edle Analog-Aufnahmen zu machen. :musik:

Mitten drin erst mal das ca. zwei Meter breite 24-Kanal-Mischpult. Teilweise (offenbar für die Universal-Aufgaben) bestückt mit Telefunken V672-Verstärkern, teilweise (bei den Mikrofonverstärkern) mit Einschüben ohne Herstellerbezeichnung, die der V276/676-Serie ähneln, allerdings noch eine erweiterte Funktion haben (die ich mir eigentlich hatte merken wollen ;) ). Die Gestelle auf der Rückseite und unterhalb des eigentlichen Regietisches sind dankenswerterweise beschriftet, sodaß sich Reparateure in dem Arsenal von Geräten zurechtfinden können.
Nicht mehr vertreten ist allerdings die Generation der IRT-Röhrenverstärker V72, V76 & Co. Na gut, das Studio war in den 70ern ja kein Museum, sondern ein Aufnahmestudio auf der Höhe der Zeit.

Ein zweites, kleineres Regiepult steht auf einem Podest dahinter. Ich bin nicht dazu gekommen, zu fragen, ob das der Arbeitsplatz des Produzenten war und das Pult evtl. nur zum Mithören genutzt wurde.
Vom Techniker aus zwischen Pult und Scheibe zum Aufnahmeraum sind noch einige Quadratmeter Platz. Dort finden sich an der rechten Wand u.a. ein zugeklapptes 73er Fender Rhodes Stage Piano (sah wie ein MK I aus), dessen Tolexbezug gut gepflegt ist, und ein Plattenspieler EMT 928 (der am Samstag auch in wohlklingender Aktion zu erleben war). Er steht in einer Telefunken-Bandmaschinentruhe – übrigens witzig abgefedert: Er ruht auf einer Metallplatte, die an allen vier Ecken federnd aufgehängt ist. Die Aufhängung aus Metall sitzt auf den Schienen, auf die sonst die Holme der Bandmaschine geschoben würden.

Auf den Aufnahmen im Internet sind noch die mannshohen Klein+Hummel-Abhörlautsprecher zu sehen. Die zwei an der Stirnseite des Regieraumes (rechts und links der Glasscheibe zum Aufnahmeraum) sind durch zwei große neue, würfelförmige Lautsprecher ersetzt, die mich vom Äußeren her an die Lautsprecher aus Geithain erinnern.
Mit Aufnahmegeräten ist der Raum gut bestückt. Direkt rechts vom Pult eine Telefunken M10 (oder M10A) in Vierspurtechnik (ob 1/2 oder 1 Zoll, konnte ich auf die Schnelle nicht genau sehen), die mit einer Glashaube abgedeckt ist. (Offenbar Transistorverstärker – denn sonst würde das Gestell vor Röhreneinschüben überquellen.)
Daneben über Eck eine 24-Spur-Ampex (2 Zoll). An der Rückseite des Raumes stehen zwei Telefunken M15 (1/4 Zoll), an denen die Aufnahmetasten mit Bandklebeband überklebt sind – die also offenbar nur als Zuspieler genutzt wurden. Links von ihnen eine Telefunken M15A mit den Geschwindigkeiten 38 und 76 cm/s (1/4 Zoll), deren Aufnahmetaste nicht überklebt ist. Möglicherweise also die Mastermaschine. Telcoms habe ich keine sehen können, dafür stecken in der Studiowand links vom Regiepult mehrere Geräte, die mit Dolby A zu tun haben.
Oberhalb der drei Telefunken-Maschinen auf einer breiten Ablage dann das, was man für den Alltag braucht: Bänder, Aktenordner, Papiere, auch Referenzbänder für mehrere Geschwindigkeiten.

Die Wände sind mit dunkelgräulichen Platten bedämpft, vor denen in sanften Spiralen senkrechte Hölzer von vielleicht 3 cm Breite und einigen Millimeter Dicke verlaufen. Optisch der Charme der 60er Jahre ;)

Jenseits der Scheibe der weitläufige Aufnahmeraum. Gar nicht mal hoch – es ist normale Geschoßhöhe. Kein Teppichboden. Hinter einer garagentorähnlichen Konstruktion mit Glasscheibe darin eine große Nebenkabine, wahrscheinlich für das Schlagzeug.
An Aufnahmemikrofonen habe ich bei meinem Besuch u.a. Neumann U87 gesehen. Bei den Musikvorführungen wurde über hellgraue Klein+Hummel-Aktivlautsprecher abgehört, deren Typen ich mir nicht merken konnte; sie hatten das Format mittlerer HiFi-Boxen und einen so ausnehmend schönen Klang, daß man glatt in Versuchung käme, sich auf Auktionen auch nach so welchen umzusehen. :respekt:

Einziger Haken an der Sache: Die Geräte in der Regie haben fünf Jahre stillgestanden – seit dem Unfalltod des langjährigen MPS-Kopfes Hans Georg Brunner-Schwer. Einiges muß also überholt werden, und momentan sind „nur“ digitale Aufnahmen möglich. Abmischen muß man dann in einem anderen Studio.
In Betrieb gesehen habe ich u.a. eine der beiden M15, die allerdings merkwürdigerweise in einem Fall beim Schalten auf Wiedergabe nach einigen Sekunden mal eine kurze Gleichlaufschwankung produzierte – nach einer Sekunde fing sie sich aber wieder, und dann trat das Problem nicht mehr auf, soweit ich hören konnte. Ausgelutschter Antriebsriemen evtl.?

Laut den Betreibern sind 60% der Technik betriebsfähig – der Rest müsse überholt werden. Denkbar sei, dabei z.B. ein Hochschulinstitut dazu mit ins Boot zu holen. Oder ob alte, erfahrene SABAnesen helfen können? Die Techniker berichteten mir von kratzenden Reglern und von Phänomenen, die mich an typische Erfahrungen mit älteren Geräten erinnern, die ein paar Jahre nicht benutzt worden sind. Ob es reicht, die Technik auch einfach mal nur eine Weile wieder zu NUTZEN, damit sie wieder fit ist (womit man um teure Restaurierungs-Aktionen rumkäme)? Na, das werden diejenigen wissen, die länger als ich schon V276 & Co. einsetzen.

Ungepflegt, vernachlässigt oder schadhaft sah zum Glück nichts aus, nur der Zahn der Zeit scheint in fünf Jahren Stillstand genagt zu haben. Leider ist der einstige Cheftechniker im vergangenen Frühjahr verstorben, und einige Kniffe und Tricks hat nur er gekannt...

Durch das Studio kann man sich führen lassen, auch schon als kleines Grüppchen – was im Schnitt zwei Stunden dauert und nichts kostet. Der Termin muß nur vorher telefonisch vereinbart werden. Wenn man mal in der Ecke von Villingen ist, sollte man sich das nicht entgehen lassen.
Auf mich wirkt das Studio – wenn ich mir vorstelle, daß es technisch wieder komplett funktioniert – wie ein Raum mit einer großen Chance: Unter welchen stilvolleren und originaleren Bedingungen könnte man so gut von A bis Z audiophile Analog-Aufnahmen machen, vom Neumann-Mikro bis zum analogen Master? :party: Bis fernöstliche V72-Jäger solch eine Peripherie zusammengetragen hätten, müßten sie sich SEHR langmachen...

Apropos Mikros: Vorerst konzentrieren sich die Betreiber vor allem auf Aufnahmen mit Klaviermusik – sie verfügen noch über den besagten legendären Bösendorfer Imperial, und sie haben sogar die Mikrofonanordnungen rekonstruiert, mit denen Hans Georg Brunner-Schwer früher seine vielbeachteten Ergebnisse erzielt hat. :respekt:

Für Leute, die es interessiert, kommt am Freitagabend in der Reihe „JazzFacts“ im Deutschlandfunk ein Bericht über das Studio und seine Wiederbelebung – auch darüber, was die Betreiber Matthias Brunner-Schwer und Friedhelm Schulz nun vorhaben, damit das Studio mehr wird als ein Museum:

http://www.dradio.de/dlf/sendungen/jazz-dlf/1025059/

Michael

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2

Dienstag, 29. September 2009, 16:13

Schöner Stimmungsbericht. :)
Bert

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3

Dienstag, 29. September 2009, 20:16

Danke! :)
Möge das Studio viele Interessenten auf sich aufmerksam machen...