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Wednesday, May 29th 2019, 12:49am

Digital-Radio in 3 Flavours

Hallo,

ich habe mal wieder einen Vergleich von Digital-Radio Übertragungs-Qualitäten angestellt,
diesmal am Beispiel einer Sendung des DLF.
Es handelte sich um die Sendung am 28.05.2019, 21:05 - 22 Uhr: "Jazz live"
Konzert des Nguyen Le Quartetts am 07.03.2019 in der Harmonie Bonn, 1.Teil.

Ich habe die Sendung in 3 Varianten aufgenommen:

1. Per DVB-C aus dem Kabelnetz von Vodafone/KD in Süd-Holstein (nahe Hamburg)
2. Mitschnitt des Live-Streams des DLF aus dem Internet
3. Nach der Sendung Download aus der Mediathek des DLF

In Audacity geladen erscheinen die drei Mitschnitte mit ihren Hüllkurven so:

Die Reihenfolge ist wie bei der obigen Liste, also oben DVB-C, darunter der Internet-Stream, unten die Mediathek-Version.
Man sieht deutlich, daß die Mediathek-Version die größte Amplituden-Dynamik hat.
Die Stream-Version ist demgegenüber komprimiert, die DVB-C Version noch stärker komprimiert. Das wird besonders deutlich am Beginn des dritten und fünften Stücks.
Im zweiten Abschnitt unten links sieht man einen schmalen senkrechten "Strich" aus der übrigen Hüllkurve herausragen. Da wurde Nguyen Le interviewt und hatte einen heftigen Lach-Ausbruch. In den beiden anderen Versionen ist dieser Strich kaum erkennbar, weil von den Kompressoren "weggedrückt".
Vergleicht man im zweiten Block die mittlere und die obere Version, so fällt auf (insbesondere am oberen Rand der Hüllkurve) , daß bei der Internet-Version offenbar außer dem Kompressor auch noch ein "Rasiermesser-scharfer" Limiter aktiv war.

Der Frequenz-Umfang der drei Versionen ist unterschiedlich:
Hier das Spektrum der DVB-C Version, ausnahmsweise mit linearer Frequenzachse, damit die Obergrenze klarer erkennbar wird:

Der angewandte Tiefpass setzt bei etwa 13,4 kHz ein und die Obergrenze würde man wohl 13,5 kHz nennen.

Die Internet-Version:

Hier bekommt man erfreuliche 16,4 kHz

Und die Mediathek-Version:

Hier gibt es etwa 15,7 kHz, also immerhin mehr als bei UKW (15 kHz).

Am liebsten hätte man sicher die Dynamik der Mediathek-Version mit dem Frequenz-Umfang der Internet-Version.
Vielleicht gibt es das ja bei der Sat-Radio Variante, zu der ich leider (noch) keinen Zugang habe.

Auf eine Anfrage beim Deutschlandradio zur technischen Übertragungsqualität der Programme hat mir ein zuständiger Betriebstechnik-Ingenieur mitgeteilt, daß Signale für Sat, UKW und DAB+ erzeugt werden. Bei dem UKW-Signal würde Tageszeit-abhängig Kompression angewandt (abends weniger als tagsüber), beim Sat-Signal nicht.
Das Sat-Signal ist eigentlich auch als Quelle für andere hochwertige Digital-Übertragung gedacht. Was Vodafone für DVB-C verwendet, ist nicht bekannt. Die ersichtliche Kompression läßt den Verdacht aufkommen, daß es sich hierbei um das für UKW gedachte Signal handelt.
Leider hatte ich versäumt, nach der Aufbereitung des Internet-Streams zu fragen.

MfG Kai

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Thursday, May 30th 2019, 10:25pm

Heute habe ich mal versucht, etwas über die angewandte Dynamik-Kompression aus den Mitschnitten herauszukriegen.
Dazu habe ich den Download aus der Mediathek als Referenz-File benutzt, da er die geringste (vielleicht keine) Kompression erkennen läßt.
Grund-Idee des Dynamik-Vergleichs ist, über kleine Zeit-Intervalle die Rms- (Effektiv) Werte von Test-File und Referenz-File in Relation zu setzen, ebenso die jeweiligen Spitzen-Werte in dem Intervall.
Es ist anzunehmen, daß ein Dynamik-Kompressor den Rms-Wert aus dem Mono-Signal nimmt und den Spitzenwert von Links & Rechts, um die Verstärkung beider Kanäle gleich zu regeln, damit es bei der dynamischen Kompression nicht zu ständigem Hin- und Her-Flattern der Stereo-Abbildung kommt. Allerdings wäre es damit auch kompatibel, das Maximum von linkem und rechtem Rms-Wert zu verwenden. Ich habe ersteres probiert.
Da die Mitschnitte kleine Unterschiede in der Wiedergabe-Geschwindigkeit haben, müssen die vor dem blockweisen Vergleich beseitigt werden.
Die Aufnahmen waren knapp 55 Minuten lang (54:42.8 ) , also ca. 3282.8 Sekunden oder 157.6 Mio. Stereo-Samples.
Der DVB-C File war nach Synchronisation mit dem Beginn des Mediathek-Files gegen Ende etwa 59 ms später, das sind ca. 18 ppm. Das entspricht einer Samplerate von 47999.14 statt 48000 Hz, ein kleiner, aber merklicher Unterschied.
Das ließ sich mit dem Programm sox korrigieren mit dem Befehl sox input.wav output.wav speed 1.00001797 rate 48k.
In Audacity gibt es eine ähnliche Korrektur. Die Eingabemaske hat jedoch nur eine Auflösung von 0.001% = 10ppm. Das war nicht fein genug.
Der Unterschied der Geschwindigkeiten zwischen dem Mediathek-File und dem DLF Live-Stream war viel kleiner: nur 3-4 Samples auf die Gesamtlänge. 3.5 Samples entsprechen circa 0.022 ppm. selbst dieser kleine Wert ließ sich mit sox ... ... speed 0.999999977 rate 48k ausgleichen.
Die 3 Files wurden anschließend auf einheitliche Samplerate von 44100 Hz konvertiert (48000 Hz wäre vernünftiger gewesen, kommt nächstes mal).
Dann mußte nur noch ein kleines Programm geschrieben werden, daß die wav-Files einliest, die Rms- und Spitzen-Werte ermittelt und in einen File schreibt.
Die Auswertung habe ich dann mit MatLab durchgeführt, weil man da mit ein paar Skript-Zeilen schnell illustrative Grafiken erzeugen kann.
Ich babe Blockgrößen zwischen 30 und 200 ms ausprobiert und mich dann für 70 ms (3360 Samples bei 48k bzw 3087 bei 44.1k Samplerate) entschieden.
Hier die Ergebnisse:

Auf der x-Achse sind die Pegel aus dem Mediathek=Referenz-File eingetragen, auf der y-Achse hier die des DVB-C Mitschnitts, links für die Rms-Werte, rechts für die Spitzen/Peak-Werte. Bei letzteren wird rechts oben deutlicher erkennbar, daß außer der Kompression bei hohen Pegeln auch eine Limiter-Funktion aktiv ist.
Die Abbildung von Eingangswerten zu Ausgangswerten führt nicht zu einer Kenn-Linie sondern zu einer ausgefüllten Fläche, weil die Abbildung eines einzelnen Wertes wegen der Zeitkonstanten des Kompressoers von der Vorgeschichte abhängt.
Eingezeichnet sind gestrichelt Referenzkurven mit der Steigung 1 , also ohne Kompression, einmal für y=x und einmal für y=sqrt(10)*x (10 dB höher).
Auffällig ist bei kleinen Pegeln noch eine extra Anhebung oder ein Grundgeräusch.

Hier die entsprechenden Bilder für den DLF-Live-Stream vs Mediathek:

Die Kompression ist ersichtlich geringer, geht allerdings für Spitzenwerte am oberen Ende auch in Limiter-Betrieb über, aber nicht in einem so weiten Intervall wie bei DVB-C.
Auffällig hier bei niedrigen Pegeln ein Abschmieren der Ausgangswerte nach unten, also ganz anders als bei Vodafones DVB-C.
Zum besseren Vergleich hier beide Ergebnisse übereinander geplottet:


Deutungsversuch: Der DLF-Live-Stream ist ein Transport-Stream mit 128 kbps, der etwas anders verpackt mp3-codiertes Audio enthält. Bei der Umwandlung zum mp3-File führt ffmpeg keine Decodierung durch, sondern entpackt nur und schreibt als mp3-File weg. Das geht ratz-fatz.
Der Mediathek-File ist in aac(LC) codiert, gemeldet wird je nach Programm mal 129 kbps oder 130.4 kbits/s, also fast die gleiche Datenrate wie der Internet-Live-Stream. Der Unterschied ist, daß aac(LC) bei dieser Datenrate eine bessere Audio-Qualität zustande bekommt als mpeg1 Layer 3 = mp3. Das Abschmieren der niedrigen Ausgangspegel könnte also an der Datenreduktion im mp3 des Live-Streams liegen.
Das Abbiegen der niedrigen Pegel in die Horizontale bei der DVB-C Version könnte Indiz dafür sein, daß Vodafone
1. ein für UKW-prozessiertes Signal benutzt
2. oder eine zusätzliche Kompression anwendet, um die Dynamik-Nachteile der Haus-intern verwendeten Datenreduktion der Original-Audio-Streams von 320 oder 448 kbps auf 192 kbps zu kompensieren.

MfG Kai

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Saturday, June 1st 2019, 4:09pm

Am Freitag-Abend, 31.05.2019, gab es von 21:05 bis 22 Uhr den zweiten Teil des mitgeschnittenen Konzertes.
Diesmal habe ich wieder vom DVB-C Empfänger aufgenommen, allerdings über dessen optischen SPDIF-Ausgang.
Den Pegel-Vergleich mit der Version in der Mediathek des DLF zeigt das folgende Bild:

Links die Effektiv-Werte des Summen-Signales (Rms) über 70 ms Intervalle, rechts die Spitzenwerte des Stereo-Signals.
Ein Abschwenken in die Horizontale ist hier bei niedrigen Pegeln nicht zu erkennen.
Es kann also auch sein, daß dieser im ersten Bild-Paar des vorigen Beitrags sichtbare Effekt, ein Indiz für eine dritte Ursache ist:
3. Begrenzter Störabstand der Analog-Aufnahme vom DVB-C Empfänger.

MfG Kai

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Sunday, June 2nd 2019, 4:57pm

Hallo Kai,

eine schöne Studie, mit der Kompression :thumbsup:

Was hat es denn zu bedeuten, dass sich in Deinen Diagrammen die Schwerpunkte der Punktwolken entlang der +10dB-Linie zu sammeln scheinen? Ist das am Ende ein Abbild der subjektiv empfundenen Lautstärkeerhöhung durch die Kompression?

Hast Du mal bestimmt, was der globale RMS der jeweiligen Dateien ist - also über die gesamte Länge gemittelt? Der müsste ja dann auch entsprechend höher liegen?

Viele Grüße
Andreas

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Sunday, June 2nd 2019, 5:54pm

Hallo Andreas,

danke für dein Interesse.
Bei diesen Beispielen ging es mehr um die Hüllkurven der Punktwolken und ihre Form/Krümmung gegen eine Gerade mit Steigung "1" (i.e. ohne Kompression) als um Absolutpegel.
In den Absolutpegeln steckt eine individuelle Willkür, die einen Vergleich unsinnig macht.
Jeder Sender scheint seinen Live Stream im Internet anders auszusteuern,
die Version in der Mediathek ist auf andere Weise entstanden und dort abgelegt worden,
wenn ich analog aufnehme, wähle ich eine Aussteuerung, die mit den anderen nichts zu tun hat,
per SPDIF aus dem Empfänger kommt es nochmals anders skaliert.

Hier ist außerdem zu berücksichtigen, daß das Bild des "rms"-Pegels den vom Summen-Signal zeigt. Der kann natürlich größer als 1 ( im Extremfall fast 2 ) bzw. 0 dB sein im Gegensatz zu den Spitzenwerten von linkem und rechtem Kanal.
Da ich allerlei Anpassungen der 3 Aufnahmen mit Audacity und sox durchführen mußte, bis überhaupt ein blockweiser Vergleich möglich war, habe ich teilweise Pegel angehoben, wenn "oben noch Luft" war.
In den ersten Bildern war der mittlere Pegel des Referenz-Signals (Version aus der Mediathek) deutlich (eben wohl die etwa 10 dB) niedriger als im DVB-C Mitschnitt und im Live-Stream, weil der musikalische Protagonist im Interview einen lauten Lachausbruch hatte, der den Spitzenpegel bestimmte. In den beiden andern Versionen war dieser kurze Lacher vom Kompresser/Limiter total in die sonstige Hüllkurve runtergedrückt worden. Dadurch konnten die so etwa 10 dB höher ausgesteuert werden.
In den Bildern der rms-Werte wird die Kompressorwirkung nicht so sichtbar wie bei den Spitzenwerten. Das liegt daran, daß der sich bei großen Pegeln an letzteren orientieren muß, damit es nicht zur Übersteuerung kommt. Bei niedrigen Pegeln könnte er sich mehr nach den Effektivwerten richten, tut er aber anscheinend nicht. Da ich das vorher nicht wußte, hab ich beides mal berechnet.
Den globalen Rms-Wert habe ich hier nicht bestimmt. Der hat ja auch beschränkte Aussagekraft, hängt sehr vom Programm-Inhalt ab (und ist im Grunde nur der intellektuell und musikalisch nicht relevante "Brennwert" des Signals).

Ich habe mich übrigens doch recht gewundert, daß der Live-Stream so stark komprmiert ist und sogar Limiter-Wirkung zeigt. Gehofft hatte ich das Gegenteil.
Ich habe bei einem Betriebs-Ingenieur des DLF nachgefragt, warum das gemacht wird. Leider ist er darauf bislang nicht eingegangen.

Im Moment spüre ich noch einigen abträglichen Effekten der Analog-Aufnahme vom DVB-C Empfänger mittels PC nach. Wenn man da nicht auf allerlei Details achtet, kann so ein Vergleich leicht verfälscht werden.
Deshalb habe ich mir heute mal das analoge Audio-Signal an den Cinch-Buchsen des Empfängers mit dem PicoScope angesehen. Zu meiner Verwunderung sehe ich da ab ca. 52 kHz einen Lattenzaun von Linien im 60 kHz Abstand bis etwa 6,7 MHz und darüber kommt nochmal was. Im Zeitbereich sehe ich viele scharfe nadelförmige Signale in etwa 16,6 µs Abstand (-> 60 kHz) mit Breiten um 150 ns (-> 6,7 MHz).
Da scheint ein Filter zu fehlen, daß diesen ganzen "Schmutz" vom nächsten Audio-Interface fernhält.
Muß ich wohl demnächst mal was bauen...

MfG Kai
PS.: Ich habe bislang nur ein USB-Audio-Interface mit opt. SPDIF-Input, aber zwei DVB-C Empfänger mit opt. SPDIF Ausgang. Gelegentlich (insbesondere am Sonntag Abend kommt es vor, daß ich zwei Programme gleichzeitig aufnehmen möchte). M.a.W. ich könnte noch ein opt. SPDIF->USB Interface gebrauchen. Es gibt anscheinend etliche teure audiophile (brauche ich nicht) und ein paar preiswerte in China. Falls einer einen Bezugs-Tip hat oder gar so ein Teil über, bitte ich um Nachricht.

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Sunday, June 9th 2019, 10:42pm

Hallo,

da sich vieles nach ersten Mal noch "sauberer"/besser machen läßt, habe ich nochmal den Mitschnitt einer Konzertsendung im Radio mit der Version aus der Mediathek des Senders verglichen. Es handelte sich um die Sendung "On Stage" des DLF am 07.06.2019, 21:05 bis 22 Uhr. Gesendet wurde ein Auszug des Konzerts von Ronnie Baker Brooks am 19.05.2018 beim Bluesfestival Schöppingen.
Aufgenommen habe ich von einem DVB-C Empfänger am Kabel von Vodafone/KD per SPDIF-Ausgang zum PC.
Die Mediathek-Version ist etwa 71 Minuten lang und enthält im Gegensatz zur Sendung das vollständige Konzert.
Nach den Ansagen enthielten beide Versionen ca. 24:30 Minuten lang vergleichbare Konzertanteile, danach hatte man für die kürzere Sendung anderswo weitergemacht.
Deshalb habe ich nur diese ersten 24:30 min verglichen, und zwar anhand der Spitzenwerte in 70 ms Blöcken.

Das erste Bild zeigt den Pegelverlauf beider Versionen über der Blocknummer, was bis auf die Skalierung auch die Zeit ist. Samplerate war 48 kHz.

In blau ist die Mediathek-Version gezeigt, darüber in rot die gesendete Version, absichtlich auf die oberen 20 dB beschränkt, damit da oben mehr erkennbar wird. Die gesendete Version ist offensichtlich komprimiert worden um bis zu ~15 dB.

Das zeigt auch die Punktwolken-Darstellung:

Der Referenz-File ist die Mediathek-Version. Über dessen Spitzenpegeln sind die des Radio-Mitschnitts aufgetragen.
Man sieht die Kompressor- und oben rechts die außerdem angewandte Limiter-Funktion.

Eine andere hierzu nützliche Darstellung ist das Histogramm der Spitzenwerte beider Files:

Die blaue Kurve ist das Histogramm der Mediathek-Version, die rote das Histogramm der Sendung. Auch hier wird deutlich, wie Kompressor und Limiter (die scharfe Spitze rechts oben) die Werte-Verteilung nach rechts zu hohen Pegeln zusammengedrückt haben.

Die höchsten Pegel finde ich unter den frei empfangbaren Programmen bei "Radio Paloma", einer kommerziellen Schlagerwelle und JAMFM.
Von beiden habe ich demonstrarionshalber je einen viertelstündigen Mitschnitt angefertigt und ähnlich analysiert.

Hier der Spitzenpegelverlauf bei Radio Paloma:

Das sieht aus, wie es sich anhört, ständig alles auf "volle Pulle" gepreßt.
Hier das Histogramm dazu:

Die Histogramme sind über 0.5 dB-Intervallen von -40 ... 0 dB erzeugt worden.
Hier spielt sich also fast alles in den obersten 4 dB ab.
Diese Ballermann-Welle wird bei Vodafone/KD mit dieser Bandbreite übertragen:

Es beginnt zwar bei 15 kHz abzuschmieren, geht aber doch bis 16 kHz.

Noch lauter kommt JAMFM daher.
Während bei den meisten der ca. 97 freien Radioprogramme bei maximaler Pegelstellung am Empfänger die Spitzenpegel am SPDIF-Ausgang noch einige dB unter der Clippgrenze liegen, schaffen es Radio Paloma und JAMFM, ständig da anzuschlagen.
Bei JAMFM mußte ich um etwas mehr als 2 dB runtergehen, damit darüber noch ein paar Zehntel "Luft" bleiben.
Hier der Verlauf der Spitzenpegel:

und das Histogram dazu:

Da ist also trotz höherem Übertragungs-Pegel (hier nicht zu sehen, weil von mir kompensiert) noch etwas mehr Dynamik drin als bei R.Paloma, tatsächlich ähnlich wie bei DLF, aber anscheinend ohne Limiter.
Hier das Spektrum:

In rot der rechte Kanal (11.9...12 kHz), blau der Linke (12.5 kHz).
Da können sich Laie und Fachmann am Kopf kratzen und grübeln, was das wohl auf sich hat.
Es gibt also Programme, die noch schlechter übertragen werden als die etwa 80%, die mit 13.5 kHz übertragen werden.

MfG Kai

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Monday, June 10th 2019, 8:05am

Auf eine Anfrage beim Deutschlandradio zur technischen Übertragungsqualität der Programme hat mir ein zuständiger Betriebstechnik-Ingenieur mitgeteilt, daß Signale für Sat, UKW und DAB+ erzeugt werden. Bei dem UKW-Signal würde Tageszeit-abhängig Kompression angewandt (abends weniger als tagsüber), beim Sat-Signal nicht.
Das Sat-Signal ist eigentlich auch als Quelle für andere hochwertige Digital-Übertragung gedacht. Was Vodafone für DVB-C verwendet, ist nicht bekannt. Die ersichtliche Kompression läßt den Verdacht aufkommen, daß es sich hierbei um das für UKW gedachte Signal handelt.
Leider hatte ich versäumt, nach der Aufbereitung des Internet-Streams zu fragen.
Hallo Kai,
wieder mal ein sehr interessanter Beitrag von Dir!
Seit ein paar Wochen höre ich wieder öfter (und bewusster) Radio über UKW (HR2, Deutschlandfunk), auch die von Dir analysierte Sendung.
Den 'Klangmatsch' durch Kompressor und Exciter, der in den Kommerz-Programmen (HR1, HR3, SWF3 usw.) versendet wird, finde ich nahezu unerträglich.
HR2 geht noch, bei Deutschlandfunk hatte ich auch schon das Gefühl, dass komprimiert wird.
Warum aber auch Digitalsignale derart (DVB-C) komprimiert werden, ist mir unbegreiflich.
Gibt es weitergehende Informationen von den Sendeanstalten, dass und warum komprimiert wird?
VG Jürgen

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Monday, June 10th 2019, 9:09am

Hallo Jürgen,

ich kann bei mir nur beobachten, wie die DVB-C Signale bei Vodafone/KD beschaffen sind. Was anderes habe ich nicht. Ob du ähnliches oder was anderes siehst, hängt von deinem Kabelnetz-Provider ab. Es könnte sogar sein, daß es bei Vodafone regionale Unterschiede gibt, was den Frequenzumfang der einzelnen Programme betrifft.
Die DVB-C Signale werden nicht von den Programm-Herstellern (zB den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten) sondern vom Kabelnetzbertreiber aus einem Signal erzeugt, daß er irgendwo "abgreift". Bisher habe ich mich nur beim DLF und NDR erkundigt. Dort weiß man bislang garnicht, welche Signale Vodafone benutzt. Eigentlich ist es so, daß ein Datenstrom bester Qualität für Übertragung per Satelliten (und Kabel) erzeugt wird, einer für UKW und einer für DAB+ und möglicherweise ein vierter fürs Internet.
Ganz neu ist eine Information vom Deutschlandfunk, daß man sich in Verhandlungen mit Vodafone befände, um die Übertragung im Kabel auf eine Vertragsbasis zu stellen. Das ist insofern überraschend, als der Deutschlandfunk/Deutschlandradio vor einiger Zeit die Verträge mit Unity Media gekündigt hat (war ihnen wohl zu teuer), was zur Folge hatte, daß die einige Zeit danach die Übertragung der drei DLF-Programme eingestellt haben. Im Editorial der April-Ausgabe des DLF-Programmheftes hatte sich noch der Betriebsdirektor des zu Wort gemeldet und (aus Anlaß dieser Einstellung und von Übertragungsproblemen bei UKW) verkündet, man würde sich auf die Übertragung per DAB+, Sat, UKW und Internet konzentrieren. Kabel sei nur von wenigen Leuten benutzt und unwichtig, "hat keine Prioriätät".
Vor kurzem habe ich bei "ARD-digital" angefragt, weil die auf ihren Internetseiten pauschal schreiben, daß die aktulle digitale Audio-Übertragung besser sei, als alles was vorher analog gemacht wurde. Ich habe auf die bei Vodafone auf 13.5 kHz reduzierte Bandbreite verwiesen, was ja eindeutig schlechter ist als die 15 kHz von UKW (und natürlich erst recht als die oft 16.6 kHz von Sat). Darauf haben sie ihr Bedauern ausgesprochen und mir empfohlen, mich an Vodafone zu wenden. Das habe ich gekontert mit dem Hinweis, daß die Medienanstalt Hamburg-Schleswig-Holstein aufgrund meiner Beschwerde über diesen Mißstand seit März mehrfach an Vodafone Anfragen gerichtet hat und bis heute vergeblich auf Antwort wartet. Darauf kam die Info, die Radio-Übertragung in den Kablenetzen sei ein freiwilliges Angebot der Kabelnetzbetreiber, auf die die ARD (etc) keinen Einfluß habe. Daraus schließe ich, daß wohl die anderen ö.r. Rundfunkanstalten ?bislang? ebenfalls keine Verträge mit den Kabelnetzbetreibern bzw speziell Vodafone haben.

Insofern kann sich die Frage, wieso die Programme bei DVB-C so komprimiert bzw Bandbreiten-reduziert sind nicht an die Programm-Ersteller richten.
Meine Vermutung ist, daß Vodafone entweder das eigentlich für UKW aufbereitete Signal oder den Internetstream zur Erzeugung des DVB-C Signales benutzt.
Warum letzterer Dynamik-komprimiert ist, habe ich mich auch gefragt und dann auch den Betriebs-Ing beim DLF. Der ist aber die Antwort "schuldig geblieben". Mir ist momentan nicht klar, ob aus versehen oder weil er darüber nicht informiert ist.
Bei UKW wird argumentiert, daß tagsüber viele Leute Radio in lauter Umgebung hören und deshalb Kompression nötig sei. Den wenigen Leuten, die abends nicht fernsehen, gönnt man dann für zu Hause etwas weniger Kompression. Die Version für Sat-Radio sei nicht komprimiert. Überprüfen konnte ich das mangels Zugang bislang nicht.

Ich kann nur empfehlen, sich über Qualitätsmängel der Radio-Übertragung bei der jeweiligen regionalen Landes-Medienanstalt (Adressen im Internet) oder der "Technischen Konferenz der Landesmedienanstalten" (TKLM) in Berlin zu beschweren. Die betrachten sich zwar derzeit eigentlich für technische Qualität nicht für zuständig, wenn sich aber viele Leute beklagen, werden die dem wohl nachgehen müssen. Die werden nämlich aus den Rundfunkbeiträgen finanziert...

Ich hoffe, alles bedacht zu haben, was für deine Frage relevant sein könnte.
Falls noch was offen ist, frag danach.
Noch eine Empfehlung, gestützt durch die Beobachtungen bei DLF: Wenn man Musik mit möglichst wenig Kompression und Frequenzumfang >=UKW-Bandbreite hören/aufzeichnen möchte, aber keinen Satelliten-Zugang hat, sollte man sich aus der Mediathek des Senders bedienen (sofern er eine hat). Denn die Files dort sind (bislang) nicht über den Sendeprozessor/Kompressor (Optimod und Consorten) gelaufen.

MfG Kai

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Thursday, June 13th 2019, 11:29pm

Bislang habe ich nur die Dynamikkompression in den gesendeten Versionen von Musikprogrammen gezeigt anhand des Vergleichs mit der jeweiligen Mediathek-Version. Je nach Genre ist die Musik dabei schon unterschiedlich "vor"komprimiert seitens der Produktion.
Hier mal ein Beispiel über die Auswirkung bei einem Programm mit vorwiegend Wortbeiträgen.
Es handelt sich um die Sendung "Querköpfe" des DLF vom 12.06.2019, 21:05-22 Uhr.
Gebracht wurde ein Mitschnitt des Eröffnungsabends des "Salzburger Stier 2019" mit Gerhard Polt vom 10.05.2019.
Hier die Hüllkurven beider Files in der Darstellung von Audacity:

Oben die Version in der Mediathek
darunter der Mitschnitt von DVB-C (Vodafone/KD) mittels SPDIF-Interface.
Unübersehbar eine starke Dynamik-Kompression mit Limiter im Mitschnitt, erkennbar an den flach eingeebneten Hüllkurven.

Hier dargestellt anhand der gemeinsamen Spitzenwerte von linkem und rechtem Kanal in 70 ms Blöcken:

Oben der Mitschnitt in rot, darunter die Mediathekverson in Blau. Hier sieht die Oberkante der roten Hüllkurve wie mit dem Rasenmäher geschnitten aus.

Nach Synchronisierung der beiden Files kann man sich die Pegel mit Mitschnitt gegenüber den Pegeln im Mediathek-File anschauen:

An der Oberkante der blauen Punktwolke rechts oben kann man erkennen, daß per Limiter ca. 18...19 dB Dynamik vernichtet wurden.

Zum Abschluß noch die Darstellung als Histogramm/Häufigkeitsverteilung der Pegel in beiden Versionen:

Blau die Mediathek-Version, rot die gesendete. Die scharfe Spitze rechts oben, gefolgt von einer scharfen Abbruchkante darüber ist typisch für Limiter.
Insgesamt erscheint die vom Sendeprozessor angewandte Kompression/Limitierung hier noch drastischer als bei den früheren Musikkonzert-Beispielen.

MfG Kai

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Today, 2:02am

In Sachen Dynamik gibt es positiveres von DLF Kultur zu berichten.
In den letzten Tagen habe ich einmal eine Musiksendung aus dem Nachtprogramm mitgeschnitten
und gestern aus dem Abendprogramm.
Von beiden gab/gibt es auch Versionen in der Mediathek, so daß ein Vergleich möglich wurde mit Dateien, die nicht über den Sende-Prozessor gelaufen sind.
Es handelte sich um die Sendungen
15.06.2019, 0:05 bis 3 Uhr: "Saz, Soul und Selbstbewußtsein. ..." und
19.06.2019, 20:03 bis 21:30 Uhr, "Morgenlandfestival Osnabrück".
Bei beiden Mitschnitten von DVB-C fällt keine Dynamik-Kompression gegenüber der Mediathek-Version auf.
Die Mediathek-Versionen haben 15,7 kHz Bandbreite, während die Mitschnitte Vodafone-typische Bandbreite von 13,5 kHz haben.
Die Mediathek-Version des zweiten Programms glänzt zusätzlich durch vollständigere Tracks und knapp 3 Minuten längere Laufzeit, am Ende ohne überlagerte Ab-Moderation.

MfG Kai