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Donnerstag, 23. August 2018, 11:53

Mikrofon-Alterung, Frequenzgang checken

Hallo,

angesichts aktueller Threads über Jahrzente-alte Mikrofone, wabern mal wieder Fragezeichen durch mein Hirn...
An anderer Stelle hatte ich von verhärteten Sicken in Kalotten-Lautsprechern berichtet. Die Folge ist eine Verschiebung der Eigenresonanz der Membran zu höheren Frequenzen, die nicht vernachlässigbare Größe annehmen kann.
Mikrofone haben elastische Membranen, einige auch Sicken. Diese Materialien können im Lauf der Zeit ebenfalls verhärten und sind dann von Verschiebungen der Eigenfrequenzen begleitet.
In der Wikipedia findet man unter dem Stichwort "Mikrofonabstimmung" eine kurze Darstellung, wie unterschiedliche Mikrofonarten abgestimmt sind.
Z.B. ist ein Kondensator-Mikro mit Kugel-Charakteristik hoch-abgestimmt, ein dynamisches mit Nieren- oder Achter-Charakteristik tief-abgestimmt. Außerdem gibt es noch Mitten-abgestimmte Varianten.
Demnach wären erstere am Alterungs-unkritischsten (weil Eigen-Resonanzen nur noch höher rutschen), während die dynamischen mit Richt-Charaktristik am Alterungs-kritischsten reagieren, weil sich die Eigenresonanz im Übertragungsbereich nach oben verschiebt.
Mikrofone mit Mitten-Abstimmung sind natürlich auch direkt betroffen.

Gibt es eigentlich jemanden im Forum, der zu "Freundschaftskonditionen" diesbezüglich Mikrofone in halbwegs kalibrierter Umgebung überprüfen könnte ?
Hat jemand solche Überprüfungen schon durchgeführt und Erfahrungen, wie groß derartige Veränderungen tatsächlich ausfallen ?

MfG Kai

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2

Donnerstag, 23. August 2018, 13:09

Gibt es eigentlich jemanden im Forum, der zu "Freundschaftskonditionen" diesbezüglich Mikrofone in halbwegs kalibrierter Umgebung überprüfen könnte ?

„Kalibrierte Umgebung“ ist leider alles andere als eine triviale Bedingung. Ich kenne eigentlich nur zwei oder drei Entwicklungslabors in Deutschland, die dafür entsprechend ausgerüstet sind: Neumann/Sennheiser, MG und Schoeps. Besonders die Bestimmung von Frequenzgang und Richtcharakteristik zu den Tiefen hin ist wegen der großen Wellenlängen ein materiell aufwendiges Unternehmen.

Hat jemand solche Überprüfungen schon durchgeführt und Erfahrungen, wie groß derartige Veränderungen tatsächlich ausfallen ?

Die Veränderungen zweier Exemplare desselben Mikrofontyps können so groß werden, dass man meinen könnte, zwei verschiedene Typen vor sich zu haben. Das mehr oder weniger klassischste Beispiel dafür sind unrestaurierte U47 Exemplare, von denen sich heutzutage kaum noch zwei ähnlich klingende finden.

Sogar Kondensator-Druckkapseln bleiben von Alterungserscheinungen nicht verschont. Neben allgemeiner Empfindlichkeitsabnahme infolge Kriechströme bei nachlassenden Isolatoren, Verschmutzung etc. tritt hier vor allem ein Absinken der Kapselresonanzfrequenz auf.

Grüße, Peter

Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »Peter Ruhrberg« (23. August 2018, 13:33)


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3

Donnerstag, 23. August 2018, 13:59

Die U47 sind ja nun ein Sonderfall, der sicher Ton-Profis besonders am Herzen liegt.
Ich mußte mich erstmal informieren und fand, daß aktuelle Nachbauten um 9xx $ kosten und für restaurierte Originale fast 10000 € verlangt werden.
Außerdem ist das Mikro zwischen Kugel und Niere umschaltbar über die Polarisationsspannungen. Demnach wird wohl auch zwischen Hoch-Abstimmung und Mitten-Abstimmung gewechselt.
Schließe ich daraus richtig, daß (im Prinzip) die Eigenresonanz über die Polarisationsspannung eingestellt/justiert werden kann ?
Die Möglichkeit hat man bei einem schlichten dynamischen Amateur-Mikrofon nicht.
Zu Kontrollzwecken wäre es da eigentlich hilfreich, wenn die Eigenresonanz spezifiert wäre, so daß man sie ähnlich wie die Thiele-Small-Parameter eines Lautsprechers bei Bedarf/Verdacht kontrollieren könnte.

MfG Kai

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4

Donnerstag, 23. August 2018, 14:57

Die U47 sind ja nun ein Sonderfall, der sicher Ton-Profis besonders am Herzen liegt.

Ich habe diesen Fall beispielhaft herausgegriffen, weil ich gerade hier viel zu häufig von den angeblichen Vorzügen angeblich originaler U47 Exemplare und ihrer legendären Wehrmachtsröhre VF 14 vorgeschwärmt bekomme, in offensichtlicher Unkenntnis über die unweigerlichen Alterungsprozesse der beteiligten Materialien, die dazu führen, dass ein unrevidiertes U47 nach allem Möglichen klingen kann, nur nicht nach dem Originalzustand vor 70 Jahren.


Schließe ich daraus richtig, daß (im Prinzip) die Eigenresonanz über die Polarisationsspannung eingestellt/justiert werden kann ?

Bei Neumann sind die umschaltbaren Mikrofone – ob mit Doppelmembran oder mit zwei Einzelkapseln bestückt – grundsätzlich zwei Druckgradientenempfänger (sprich Nieren), die nach „vorne“ und „hinten“ zeigen.

Das „hintere“ System bekommt entweder [1] keine Polarisationsspannung und ist damit inaktiv (Gesamtcharakteristik = Niere), es wird [2] mit Spannung gleicher Polarität beaufschlagt, wodurch sein Signal der „vorderen“ Membran phasengleich addiert wird (= Kugel) oder [3] seine Polarisationspannung liegt entgegengesetzt an, und sein Signal geht verpolt in die Summenbildung ein (= Acht).

Der einzige mir bekannte Hersteller einer auf Kugel und Niere mechanisch umschaltbaren (und entsprechend aufwendig konstruierten) Mikrofonkapsel ist Schoeps, die Kapsel heißt MK5.


Zu Kontrollzwecken wäre es da eigentlich hilfreich, wenn die Eigenresonanz spezifiert wäre,

Das habe ich bislang nicht mal bei professionellen Mikrofonen erlebt.

Grüße, Peter

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Donnerstag, 23. August 2018, 15:29

Wie prüft denn der Profi, ob seine Mikrofone noch in Ordnung sind oder einer Restaurierung/Ersatzbeschaffung bedürfen ?
Reicht da das geschulte Ohr ?

(Es wundert mich nicht, daß die Hersteller die Beobachtung der Vergänglichkeit ihrer Produkte nicht besonders unterstützen.
Totalausfall ist sicher willkommener als schleichendes Dahinscheiden).

MfG Kai

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Donnerstag, 23. August 2018, 17:15

Reicht da das geschulte Ohr ?

Ja und nein. Bei Kondensatormikrofonen gibt es verschiedene Anzeichen von Alterung, diese hängen auch stark davon ab, wann sie hergestellt wurden.

Mit der Transistorisierung seit etwa Mitte der 1960er Jahre sind auch die Mikrofonkapseln deutlich stabiler gegenüber Alterung geworden. Hier ist es oft eher die Elektronik, die als erste sich störend bemerkbar macht, vor allem im höchstohmigen FET-Eingangskreis.

Ein probates Mittel ist der mindestens paarweise Erwerb. Gegenseitige Abweichungen sind dann leicht feststellbar, indem die Kapseln so nah wie möglich zusammengebracht werden. Auf dem Goniometer lassen sich – ähnlich wie bei der Azimutjustage – alterungsbedingte Pegel- Frequenzgang- und Phasendifferenzen leicht nachvollziehen.

Für eiligere Fälle reicht meist die Methode, die Signale der benachbarten Kapseln gegenphasig zu addieren, was nach Pegelabgleich idealerweise Null ergeben sollte. Je geringer das Restsignal, desto besser die Übereinstimmung.

Eine Prüfung nach absoluten Kriterien ist fast nur beim Hersteller möglich.

(Es wundert mich nicht, daß die Hersteller die Beobachtung der Vergänglichkeit ihrer Produkte nicht besonders unterstützen.

Zumindest die drei genannten Mikrofonhersteller sind vergleichsweise traditionsbewusst. Das liegt unter anderem daran, dass Mikrofone selbst bei häufiger, sachgerechter Verwendung zu den langlebigsten Investitionen gehören.

Je nach Ersatzteilsituation ist es bei allen dreien möglich, sechzig und mehr Jahre alte Schätzchen warten bzw. reparieren zu lassen. Die berühmte Neumann M7 Kapsel (Bestandteil des U47, U48 und M49) ist ein extremes Beispiel dafür: sie wird bei Siegfried Thiersch noch heute nach den Spezifikationen von 1932 hergestellt.

Vor der Auflösung der Wiener AKG konnten auch dort betagte Mikrofonklassiker (und Kopfhörer) repariert werden; zumindest ein ehemaliger Mitarbeiter führt diesen Service mittlerweile auf eigene Rechnung weiter.

Grüße, Peter

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Donnerstag, 23. August 2018, 17:35

Bedeutet dein Nicht-Eingehen auf dynamische Mikrofone, daß die im professionellen Bereich bzw. Studio kaum Verwendung finden ?

MfG Kai

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Donnerstag, 23. August 2018, 17:42

Bedeutet dein Nicht-Eingehen auf dynamische Mikrofone, daß die im professionellen Bereich bzw. Studio kaum Verwendung finden ?

Zumindest in meiner eigenen Domäne (sog. klassische Musik) trifft das zu, weswegen mir auch die langjährige Erfahrung damit fehlt.
Grund dafür ist hauptsächlich das geringere Eigenrauschen und stabilere Richtcharakteristik bei Kondensatormikrofonen, vor allem aber ihre ungleich bessere Impulsübertragung und Verfärbungsarmut aufgrund der geringeren bewegten Massen.

Schoeps, Neumann und MG stellen ausschließlich Kondensatormikrofone her; wie bei Sennheiser die Servicesituation bezüglich dynamischer Mikrofone beschaffen ist, weiß ich leider nicht.

Grüße, Peter

Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »Peter Ruhrberg« (23. August 2018, 20:00)


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Donnerstag, 23. August 2018, 19:36

Ich kann ein klein wenig aus der Praxis dazu sagen.


Meine ersten „richtigen“ Mikros (damals, 1980, war die Aufnehmerei noch Hobby) waren dynamische von AKG: D 190.
Die habe ich noch und nutze sie im Hörraum für eine objektive Gesamtlaustärke-Anzeige. Ich habe sie kürzlich noch als Stützmikro für eine Solo-Aufnahme einer kleinen Herrengruppe eingesetzt: tadelloser Klang, ohne dass ich natürlich kleine Änderungen bemerken würde.

So 1987 kaufte ich die ersten Kondensatormikros, zwei Kugeln plus Jecklin-Scheibe.
Die habe ich auch heute noch und kann sie vergleichen mit anderen, vor wenigen Jahren gekauften Kugeln desselben Herstellers (MBHO). Kein hörbarer Unterschied, was auf die Nieren, ca. 1989 die ersten, kürzlich weitere Pärchen, ebenso zutrifft.

Ich erwarte für den Rest meiner Nutzung da keinerlei Ungemach. 8o
Schöne Grüße

Rainer