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Sunday, April 14th 2019, 12:00am

Mitschnitt "Johannespassion"

Heute mal statt Bandmaschinenfotos einige Eindrücke, wie manche Live-Tonaufnahme sogenannt "klassischer" Musik entsteht, die manchen als "Futter" für ihre Maschinerie dient ...

Vorigen Sonntag – zufälligerweise am 295. Jahrestag der UA in der Leipziger Nikolaikirche – fand in meiner Heimatstadt Düsseldorf ein Aufführungsmitschnitt von Bachs "Johannespassion" statt.

Nachdem Bearbeitung und CD-Kopien nun hinter mir liegen, fühle ich mich mit dem Resultat rundum wohl, getreu meinem Motto seit 45 Jahren: "Wenn ein Hörer über deine Aufnahme sagt, das Werk klinge zu Hause genauso gut wie bei seinem Konzertbesuch vor kurzem aus der achten Reihe Mitte, hast du gute Arbeit abgeliefert, weil der Hörer alle für diesen Klangeindruck notwendigen Mittel und Maßnahmen nicht bemerkt hat."

Die Bilder umfassen einige Stationen ab Generalprobe bis zur CD-Kopierstraße.

Seite 3 des Autographs und CD-Inlay mit der Besetzung:





Hier unterhalte ich mich während der GP mit der Altistin und der Organistin unmittelbar nach der Arie Nr. 30 "Es ist vollbracht", die mich nach mittlerweile 15 Eigenaufnahmen und ungezählten weiteren Einspielungen dieses Werks – Gardiner, Koopman, Herreweghe, Rilling (von denen gleich mehrere), Dijkstra, Jacobs, Hermann Max, Junghänel, um nur meine Favoriten aufzuzählen – zu Tränen gerührt hat wie nie zuvor. Und fast immer ist es mangelnde Schlichtheit in Verbindung mit antiquiertem Opernstil, die mir speziell diese Arie rettungslos ruinieren können ...








Überhaupt muss ich lange nachdenken, bis mir eine ähnlich stimmige Aufführung einfällt, die bei mir den Eindruck absoluter "Richtigkeit" und Willkürfreiheit zurücklässt. Eigentlich gab es diesmal nur schöne Momente, auch und vor allem bei den Solisten, die einem den Genuss (ja, trotz des trübsinnigen Anlasses kann es einer sein) komplett verhunackeln können. Der Dirigent meinte noch vorher, dass er aus tiefem Respekt vor dem Werk mit seiner Aufführung so lange gewartet habe – er ist jetzt immerhin gut 17 Jahre im Amt – doch ich finde, dass sie sich auf dem Niveau durchaus auch an die MP oder die h-moll Messe machen könnten. Schaunwermal, vielleicht erlebe ich es ja noch …

Dieses Ensemblebild mit den drei Solisten rechts ist aus Nr. 30: "Eilt, ihr angepissten" – sorry – "angefocht'nen Seelen" – gut fand ich dabei, dass die "Wohin"-Einwürfe nicht aus dem Chor kamen:



Der Chor kam trotz seiner Größe überraschend, schlank, präzise und nicht zuletzt textverständlich herüber:



An den Fotos dieser Session (sonst gibt es kaum welche von mir bei der Arbeit) habe ich im Nachhinein zum ersten Mal erkannt, welchen Stress so ein Mitschnitt tatsächlich mit sich bringt, wenn er wirklich gut gelingen soll. Ständig bin ich an sämtlichen "Fronten" gleichzeitig unterwegs, Multitasking pur: Funktionieren die Mikrofone und das ganze übrige Equipment einwandfrei? Möglichst wenig störende Kabelverlegung, Absprachen mit den Musikern ("bin ich zu laut/leise?"), Aufstellung von Instrumenten und Mikrofonen, Einfügen in den gesamten Arbeitsablauf vor der Aufführung, Sorge tragen, dass keiner über Stative stolpert und auch sonst nichts im Weg liegt (Klebebandrollen werden gerne irgendwo vergessen ...), Musiker bei Laune halten, und und und ... zwischendurch noch was essen, um nicht völlig vom Fleisch zu fallen ... eine schöne Arbeit, wenn man Spaß daran hat, ständig an 20 bis 30 Dinge gleichzeitig zu denken :whistling:


























Es scheint seine Gründe zu haben, dass ich seit 1984 ununterbrochen für dieses Ensemble tätig bin, und sie werden sicherlich die letzten Kunden sein, für die ich meine Tätigkeit aufgeben werde, falls mir mal die Ohren (oder andere notwendige Werkzeuge) komplett abfallen sollten.

Diese Fotos nach knapp einer Stunde "Spielzeit" zeigen den Augenblick, wo allmählich der Stress von mir abfiel, die zentralen Partien des Werks an der Reihe waren und ich bloß zuzuhören brauchte, weil ich spätestens dann wusste, dass die nachfolgende Abmischung auch zusammenpassen würde, was keineswegs selbstverständlich ist, weswegen ich zur Kontrolle immer eine zweikanalige Havariefassung "live" mische (was im Mittelteil bei den fast im Sekundenabstand wechselnden Besetzungen eine echte Herausforderung ist), die auf einem netzunabhängigen Flashecorder aufgezeichnet wird.







Da ich auch heute noch nach dem Grundsatz arbeite, "so wenig Mikrofone wie möglich, so viele wie nötig", und zudem Kirsten ausnahmsweise mitwirken konnte, waren wir diesmal mit dem Abbau rechtzeitig fertig, um noch an der Chorfeier (traditionell mit vielen guten selbstgemachten Speisen!) teilnehmen zu können. Allerdings nicht allzu lange, denn erstens war ich da schon zehn Stunden ununterbrochen im Einsatz, und zweitens musste Kirsten am nächsten Tag schon um 7 Uhr mit dem Zug nach München ...

Wie mein Arbeitsplatz bei der Abmischung aussieht, ist auf dem Foto mit den beiden Bildschirmen zu erkennen, der Milchkaffee ist notwendiger Treibstoff :thumbup:



Schließlich die vorletzte Station, die Fertigung der CDs als Kleinauflage (ca. 200 Stück):



Grüße, Peter

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Sunday, April 14th 2019, 12:38am

Danke Peter für deinen Arbeits- und Erlebnisbericht, deine Bilder und die Übermittlung all der an und um die Musik Schaffenden, und dies auch noch an einem so schönen Werk.Ich durfte viele Jahre, als Berlin noch geteilt und RIAS und SFB noch die führenden Sendeanstalten waren, als Mitglied des Chores der St. Hedwigs-Kathedrale in Berlin unter Karl Forster, Anton Lippe und Roland Bader und vielen weltbekannten Gastdirigenten nicht nur bei vielen Konzerten in der damals neuen Philharmonie und anderen Konzertsälen, Schallplattenaufnahmen und Konzerttourneen mitmusizieren sondern gelegentlich auch in den Aufnahmestudios und Übertragungswagen lauschen, beobachten und fragen...
Diese Stimmungen kamen mir bei deinem schönen Bericht sofort wieder in Erinnerung vor Augen und Ohren.
Ich erinnere mich an die gespannte Stimmung und Aufmerksamkeit aller "Schaffenden" bei Aufnahmen eines Orgelkonzertes mit französischer Orgelromantik in einer großen Kirche mit 12 ! Sekunden Nachhall (St. Matthias, Bln.-Schöneberg), wobei ich den grandiosen Organisten Ludger Mai persönlich auch sehr gut kannte...
Und auch schon als jugendlicher erster Sopran bei Schallplattendirektschnitten des Evangeliemanns mit Rudolf Schock und Hertha Töpper... Mit dem War Requiem von Benjamin Britten zur Eröffnung der neuen Deutschen Oper in Berlin unter Leitung des Komponisten...


Danke Peter. All das war sofort wieder präsent. (An eben diesen Erinnerungen hänge ich denn auch wenn ich jetzt manches Mal meine eigenen kleine Dinge an der DAW mache...)
Mit besten Grüßen
Studer B67; REVOX A700; Uher R4200st, 4200RM; Pioneer CT-F 1000

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Sunday, April 14th 2019, 5:39am

Hi Tonkopfträger,

Danke für deine Erinnerungen!

Die War Requiem Aufführung hätte ich auch gerne live erlebt (habe statt dessen die Decca-Produktion von 1963 unter Brittens Dirigat mit dem fabelhaften Produzenten John Culshaw). Dies wäre dann allerdings für mich allerdings ein bisschen früh gewesen (da war ich fünf Jahre akt), die Berliner Oper durfte ich später kennenlernen.

Hatte noch was vergessen ...

Da Mehrspuraufzeichnung in den 1970ern und 1980ern unerschwinglich war, habe ich frühzeitig gelernt, während des Mitschnitts zugleich auf Stereo abzumischen, d.h. unter den Bedingungen einer Livesendung. Da ist - wie beim Dirigieren - Vorausdenken das A und O.

Auch hier (wie bei vielen anderen Themen) war ich mir mit Eberhard Sengpiel einig, dass Aufstellorte und Mikrofontypen so gewählt werden müssen, dass die Signale später eine homogene Mischung ergeben können und nicht durch Hallzugabe oder ähnliches "hingebogen" werden müssen, um miteinander verträglich zu werden.

Ein falsch aufgestelltes Stützmikrofon beispielsweise ist im Grunde unbrauchbar, weil seine Zumischung das Klangbild so stark verändert, dass es unmöglich wird, es je nach Bedarf (Komposition, wechselnde Besetzung, dynamische Verläufe) unterschiedlich zuzumischen, ohne dass der Gesamtklang z.B. mehrräumig wirkt oder die Hörperspektive und Stereobasis sich wahrnehmbar ändern. Das ist vor allem bei der Johannespassion entscheidend, weil hier die Besetzungen in den dramatischen Partien oft im Sekundentakt wechseln, zum Beispiel in den rasch aufeinander folgenden Dialogszenen zwischen Evangelist, Pilatus, Christus, Petrus, verschiedenen Nebendarstellern (Zeugen, Hohepriester, Ancilla, Servus etc.) und den Turba-Chören.

Ein Kardinalfehler mancher Nachwuchstonmeister ist, dass sie nur noch Einzelsignale "abnehmen" in der Hoffnung, ihre zahlreichen Spuren während der Abmischung adäquat zusammenzubekommen ("we'll fix it in the mix"). Das Resultat ist oft, dass – überspitzt ausgedrückt – nichts mit nichts zusammenpassen will.

Es sind dieselben Nachwuchstalente, die die akustischen Folgen dieser Bequemlichkeit weder begreifen noch hören können, weil ihnen die dafür nötige Schulung fehlt. Auf diese war ich aber mit meinen damals stark eingeschränkten finanziellen und logistischen Mitteln (ich hatte bis 1987 keinen Führerschein!) angewiesen, was sich in späteren Jahren ausgezahlt hat.

Das bedeutet in der Praxis, dass ich bei Stützmikrofonen bei der Aufstellung quasi um jeden Zentimeter und bei der Ausrichtung um jeden Winkelgrad "kämpfe", was mir allerdings auch meistens eine Vielzahl an Mikrofonen erspart, die nur zusätzliche Arbeit für mich bedeuten, den Ausführenden im Weg stehen und nicht zuletzt die Optik stören.

Strafverschärfend kommt hinzu, dass ich bei vielen Mitschnitten die Mikrofonaufstellung nur in der Generalprobe entscheiden, aber nicht ausprobieren kann, zum Beispiel wenn zwischen GP und Aufführung ein Mikrofon-Setup abgebaut werden muss, weil im Aufnahmeraum zwischendurch eine andere Veranstaltung (in diesem Fall ein Gottesdienst) stattfindet, für den der Bühnenaufbau bis auf die Chorpodeste entfernt wird. Aus diesem Grund kann ich die Mikrofone erst unmittelbar vor dem Mitschnitt aufstellen, wobei zusätzlich zu berücksichtigen ist, dass die meisten Kirchen im vollbesetztem Zustand völlig anders klingen als unter Produktionsbedingungen, also leer (abgesehen von den anwesenden Musikern).

Gerade fällt mir ein, was mein früher Mentor Klaus Matthes zu diesem Thema in seinen Memoiren schrieb (was selbst dann gilt, wenn die Musiker nur zu einer Stellprobe anwesend sein können):

"Was auf Außenstehende rätselhaft oder gar unprofessionell bis unfreiwillig komisch wirken kann: Um die Klangbalance von Instrumenten und Stimmen sowohl mit ihren Direktanteilen als auch in der räumlichen Abbildung bereits während der Aufnahme so ausgewogen wie möglich hinzubekommen, bewege ich mich im Aufnahmeraum, nicht selten in leicht gebückter Haltung, horche, schiebe das Haupt- oder Stützmikrofon ein wenig vor oder zurück, nach links oder rechts. Diese scheinbar meditative, bisweilen auch tänzerisch anmutende Einlage hat nichts mit Selbstdarstellung des Tonmeisters zu tun; auf diese Weise versuche ich, für alle Mikrofone den bestmöglichen Platz zu finden.

Häufiges Hin- und Hereilen zwischen Aufnahmeraum und Tonregie gehört ebenfalls dazu, denn die hoffentlich gefundene Idealposition muss über die Abhöreinrichtung kontrolliert werden, weil sie dort gut klingen soll. Jedes einzelne Mikrofon muss nach den Vorgaben der Partitur und den Vorstellungen der Künstler seinen bestmöglichen Platz finden. Hierbei kommt es oft auf Zentimeter an, da diese Mikrofone die typischen Klangfarben, den räumlichen Eindruck und sogar den Geräuschanteil der einzelnen Schallquellen erfassen sollen, damit diese Informationen dem Gesamtklangbild möglichst unauffällig, aber unterschwellig wahrnehmbar zugemischt werden können.

Natürlich könnte man auch in begrenztem Rahmen durch Filterung Korrekturen vornehmen, doch ist es mir lieber, wenn die Klangbalance schon an den Mischpulteingängen stimmt. Der Einsatz von Entzerrern kommt mir immer vor wie die Bearbeitungen eines etwas unscharfen Fotos. Mit Weichzeichnern lässt sich Unschärfe vielleicht zum Stil erklären, doch scharf wird das Foto in letzter Konsequenz trotzdem nicht."


Grüße, Peter

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Sunday, April 14th 2019, 7:24am

Danke für den schönen und interessanten Bericht !!!!

Manni
meine Spielzeuge: Philips N4520, Akai GX635D, ASC 5004, Revox A76,77,78, Dual TG29, Uher Report4400 und RdL, National RS790S, Teac A 3440 und A4300SX, Tandberg3000x, Kenwood KW5066, Sony TC640A, Pioneer RT71, Lenco B55, Braun PS500, Marantz PM7200, Saba 9241 T+A t160, Elac EL75 u.a.

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Sunday, April 14th 2019, 10:17am

Hallo Peter,

danke für diesen vielfätigen Einblick in eine Aufnahme/Produktion klassischer Musik.
Danach schwirren mir noch diverse Fragen durch den Kopf:

War das eine typische Arbeit aus deinem Erwerbsleben oder ein Freundschaftdienst für die Musiker, Dirigenten, Kirche ?
Trittst du als Tonmeister-"Einzelkämpfer" für kleine Spezial-Produktionen auf oder geht das Ergebnis bereits abgesprochen an eine große Plattenfirma, oder wäre es eine nachträgliche Option, einen großen Vertrieb dafür zu interessieren ? Oder ist es schon Branchen-typisch, daß Tonmeister als Selbständige für die großen Konzerne aufnehmen ?

Zur Technik: In welchem Format nimmst du auf, direkt CD-konform (16Bit/44,1kSps) oder mit 192kSps/24Bit ?
Waren es jetzt insgesamt 15 Mikrofone ?
Gibt es ein Bild, auf dem alle markiert werden könnten?
Hast du alle separat aufgenommen oder zu mehreren Gruppen zusammengefaßt ?
Wieviel GigaByte waren die Roh-Aufnahmen zusammen groß ?

Erfolgt die Mikrofon-Aufstellung (Platzierung auf wenige cm und Orientierung auf wenige Grad optimiert) rein nach Gehör oder mit technischen Hilfmitteln ?

Wie heißt das ca. 2m lange Saiten-Instrument, das die Dame auf den Bildern 1, 2 & 15 hält ?
Wie kommt sie je an die Abstimm-Wirbel am oberen Ende ran ?

MfG Kai

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Sunday, April 14th 2019, 10:32am

Hallo Peter!

Herzlichen Dank für diesen kurzweiligen Bericht über die Arbeit mit einer professionellen Konzertaufnahme. Ich kenne die Situation vor allem von "der anderen Seite" - singend im Chor.

Bei uns wurde auch gerne mitgeschnitten, halt eher mit Amateur-Mittlen: Zwei bis vier Mikros, kleines Mischpult, fertig. Trotz der einfachen Mittel versucht der jeweilige Aufnehmende natürlich auch während der Stellprobe vor dem Konzert, die besten Positionen für die Mikrofone herauszufinden und eine angemessene Aussteuerung zu treffen (und was haben wir am Anfang deshalb die Digitaltechnik verflucht, mit der es beim Überschreiten der 0 dB-Grenze erbarmungslos krachte). Eingreifen während der Aufnahme ist eigentlich nicht möglich, da der Mitschneidende fast immer selbst unter den Sängern oder Musikern ist. Mit etwas Übung werden diese Mitschnitte durchaus anhörbar und haben einen hohen Erinnerungswert für alle, die dabei waren - sind aber natürlich weit von der Qualität einer professionellen Aufnahme entfernt.

Die "Wohin"-Einwürfe sind in der Tat sehr schwer auch für sehr gute Laienchöre, das Ergebnis klingt fast immer zumindest etwas verhuscht, selbst wenn keine größeren Katastrophen passieren. Wobei, wenn man an den Inhalt denkt, dann war das von Meister Bach vielleicht genau so beabsichtigt? Das haben wir jedenfalls so lange geprobt, bis es nicht mehr aus dem Kopf ging. Seitdem ist einer der Running Gags in unserer Familie folgender Dialog: "Ich geh mal kurz weg" - "Wohin?" - "Nach Golgatha" (wohin denn sonst?)

Wenn ein Ensemble die Johannespasssion gemeistert hat, dann sind Matthäuspassion trotz der Doppelchörigkeit und h-moll-Messe eigentlich nichts mehr, wovor man sich zu fürchten braucht. Da kann man dann vor allem genießen. Die Johannespassion empfinde ich persönlich als das am schwersten zu singende, aber auch interessanteste der großen Bach-Oratorien.

Viele Grüße,
Martin

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Sunday, April 14th 2019, 10:41am

Hallo Peter,
obwohl wir ja schon ein bisschen über die Aufnahmen 'gesprochen' haben, möchte ich dafür und den obigen Bericht recht herzlich bedanken. :thumbsup:
Es ist sehr interessant, eine Produktion von der Vorbereitung bis zum endgültigen Produkt mal miterleben zu können.
DANKE
Viele Grüße
Eckhard

M15A; Revox B77, A76, A77, A78; Braun TG1000; Uher 4400 Report Stereo IC; www.engelstrasse.de

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Sunday, April 14th 2019, 11:49am

Hallo Martin,

Trotz der einfachen Mittel versucht der jeweilige Aufnehmende natürlich auch während der Stellprobe vor dem Konzert, die besten Positionen für die Mikrofone herauszufinden

Ich hätte jetzt nicht "trotz" geschrieben, sondern "wegen". Wobei das für ein Werk mit so vielen Klangebenen fast ein Ding der Unmöglichkeit ist, EINEN besten Stellplatz für ein Hauptmikrofon zu finden. Irgendetwas klingt immer verkehrt, was man sich im Raum mit Leichtigkeit "zurechthört". Mikrofone sind nun mal keine Ohren, sondern vergleichsweise primitive technische Krücken.

Mit etwas Übung werden diese Mitschnitte durchaus anhörbar und haben einen hohen Erinnerungswert für alle, die dabei waren - sind aber natürlich weit von der Qualität einer professionellen Aufnahme entfernt.

Dreimal Zustimmung.

Wobei, wenn man an den Inhalt denkt, dann war das von Meister Bach vielleicht genau so beabsichtigt?

Gut möglich, aber einigermaßen zusammen sollten die Einwürfe schon sein, und auch nicht zu sehr daneben intoniert, jedenfalls nicht auf einem Tonträger.

Bach hat Stimmen ja teilweise behandelt wie Instrumente, und da kommt ab und zu auch mal was Unsangliches heraus, wenn es der Text denn gebietet. Hier muss ich an die zahlreichen chromatischen Passagen in Bachs Kantaten denken, bei den Passionen z.B. im Bericht des Evangelisten (oder auch für den Chor im Mittelteil der h-moll-Messe, Stichwort "Crucifixus" oder "in resurrectionem mortuorum").

Auf den Fotos fand die Organistin übrigens meinen Kommentar ziemlich amüsant, dass ihr Part im "Es ist vollbracht" kaum noch als "passus durisculus" bezeichnet werden könne, da er eher einer halben Weltreise gliche. Aber im Ernst: Gibt es irgendeine menschliche Emotion zwischen überbordender Freude und tiefster Trauer, die Bach in diesem Satz ausgelassen hat?

"Ich geh mal kurz weg" - "Wohin?" - "Nach Golgatha"

Ja, diesen Gag kenne ich auch seit mittlerweile 35 Jahren :thumbup: Manchmal rutscht er mir gegenüber Outsidern heraus, was regelmäßig zu leichten Irritationen führt :whistling:

Die Johannespassion empfinde ich persönlich als das am schwersten zu singende, aber auch interessanteste der großen Bach-Oratorien.

Nun ja, erst mal sehen, wie der Mitschnitt den Beteiligten gefällt. Natürlich würden mir die MP und die h-moll-Messe mindestens ebenso viel Spaß machen, schließlich verfolgen mich auch diese akustisch Tag und Nacht ...

Grüße, Peter

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Sunday, April 14th 2019, 11:52am

Es ist sehr interessant, eine Produktion von der Vorbereitung bis zum endgültigen Produkt mal miterleben zu können.

"Live" ist es noch im Klassen interessanter, wie man sich bestimmt vorstellen kann.
Andernfalls wäre ich auch schon längst nicht mehr dabei :whistling:

Grüße, Peter

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Sunday, April 14th 2019, 11:56am

"Was auf Außenstehende rätselhaft oder gar unprofessionell bis unfreiwillig komisch wirken kann:
Ja, Peter, von solchem Aushorchen und Prüfen des doch so wichtigen Schallraumes hatte ich auch von Andrew Levine http://edition.blumlein.net/ erfahren, der wohl auch u.a. mit einer Klatsche die Raumakustik erkundete. Ich hatte das Vergnügen, Andrew persönlich kennenlernen und mich mit ihm austauschen zu dürfen.
Mit besten Grüßen
Studer B67; REVOX A700; Uher R4200st, 4200RM; Pioneer CT-F 1000

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Sunday, April 14th 2019, 1:03pm

Hallo Kai,

War das eine typische Arbeit aus deinem Erwerbsleben oder ein Freundschaftdienst für die Musiker, Dirigenten, Kirche ?

Beides, wobei der "Freundschaftsdienst" aber gut genug honoriert wird.


Trittst du als Tonmeister-"Einzelkämpfer" für kleine Spezial-Produktionen auf oder geht das Ergebnis bereits abgesprochen an eine große Plattenfirma, oder wäre es eine nachträgliche Option, einen großen Vertrieb dafür zu interessieren ? Oder ist es schon Branchen-typisch, daß Tonmeister als Selbständige für die großen Konzerne aufnehmen ?

Alle diese Optionen sind möglich und werden praktiziert. In diesem speziellen Beispiel war es explizit ein Mitschnitt für die Mitwirkenden, eine "Verwertung" (was für ein Wort ...), die darüber hinausgeht, ist z. Zt. nicht vorgesehen.


Zur Technik: In welchem Format nimmst du auf, direkt CD-konform (16Bit/44,1kSps) oder mit 192kSps/24Bit ?

24 bit, 44,1 kHz.
Würde ich für SACD produzieren, würde ich die SF entsprechend anpassen, möglich wären max, 192 kHz.


Waren es jetzt insgesamt 15 Mikrofone ?

13. Mit mehr Mikrofonen würde ich mir kaum Freunde machen, da sie gerne im Wege stehen und wie angedeutet die Optik zu sehr beeinträchtigen.


Gibt es ein Bild, auf dem alle markiert werden könnten?

Ich hoffe mit diesen Markierungen sind alle gut genug zu erkennen:



Außer den Sängern sind also nur die Continuoinstrumente gestützt. Nebenbei: Der Tenor singt seine Partien von einem Podest links neben der Truhenorgel (von deren Spieltisch aus gesehen). Zum Glück war er laut genug, um problemlos über das rechte Solistenmikrofon (im Bild natürlich links zu sehen) gestützt zu werden. Tatsächlich war er so durchdringend, dass ich alle Continuostützen möglichst weit weg und von ihm weg gerichtet postieren musste, da ich sonst über diese Mikrofone hauptsächlich ihn gehört hätte.

Weitere Details sind dieser Übersicht zu entnehmen:




Hast du alle separat aufgenommen oder zu mehreren Gruppen zusammengefaßt?

In der Aufstellung teilweise zusammengefasst (Cello & Laute, Kontrabass & Fagott, Cambalo & Orgel), dann separat aufgezeichnet. In der Mischung dann einige Mikrofone wiederum gruppiert (die auf den Hochstativen), diese manchmal allerdings gruppenweise getrennt (SA und TB, also die äußeren und inneren Chormikrofone), falls die typischerweise unterbesetzten Herren entweder untergingen oder sich zu stark anstrengten, um hörbar zu werden, was fürs Publikum vielleicht ausgewogen erscheint, jedoch in den Stützen meist bis zur Albernheit übertrieben klingt.


Wieviel GigaByte waren die Roh-Aufnahmen zusammen groß ?

Etwa 10 GB. Daraus stelle ich zunächst Abmischung als 32 bit float Datei. Diese wiederum dient als Grundlage für evtl. kleinere globale Pegel- oder Frequenzgangkorrekturen, Bearbeitung von Pausen, Entfernung von Störgeräuschen, die in allen Mikrofonen hörbar sind, "Säuberung" gelegentlicher Unsauberkeiten in Intonation, Timing Zusammenspiel, etc.


Erfolgt die Mikrofon-Aufstellung (Platzierung auf wenige cm und Orientierung auf wenige Grad optimiert) rein nach Gehör oder mit technischen Hilfmitteln ?

Nach Gehör und vor allem mit Erfahrung. Beides dürfte auch mit ein Grund sein, weswegen es bis heute keine wirklichen Lehrbücher über dieses Thema gibt, die über simple Rezeptangebote ("Klavier nimmt man so auf") hinausgehen. Jeder Fall liegt anders, doch zum Glück bleiben die Grundlagen des künstlerischen Handwerks dieselben.


Wie heißt das ca. 2m lange Saiten-Instrument, das die Dame auf den Bildern 1, 2 & 15 hält ?

Laute, genauer, Theorbe:
https://de.wikipedia.org/wiki/Theorbe


Wie kommt sie je an die Abstimm-Wirbel am oberen Ende ran ?

Indem der obere Wirbelkasten nicht in Spielstellung eingestimmt wird.

Grüße, Peter

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Sunday, April 14th 2019, 1:11pm

der wohl auch u.a. mit einer Klatsche die Raumakustik erkundete.

Dafür verwende ich meist einen charakteristischen Zungenschnalzer, der erheblich lauter sein kann als Händeklatschen. Keine Ahnung wo ich den mal gelernt habe, jedenfalls schon lange vor meiner Tonkutscherkarriere, aber der ist fast so laut wie ein Pistolenschuss.

Letzteren (alternativ einen platzenden Luftballon) verwende ich oft, um die Impulsantwort eines mir noch unbekannten Aufnahmeraums aufzuzeichnen, die ich später als Faltungshall unmerklich einigen Instrumenten oder Stimmen beimischen kann, damit sie nicht bei Überstützung vorne aus dem Ensemble herausfallen und wie in einer kleinen Telefonzelle auf dem Mischpult zu sitzen scheinen (Mehrräumigkeit).

Bei Aufnahmeräumen mit hervorragender Akustik (Stichworte z.B. Diffusität, erste Reflexionen/Anhall und Frequenzabhängigkeit der Nachhallzeit) sind derlei Griffe in die Trickkiste meist unnötig.

Grüße, Peter

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