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Mittwoch, 6. Dezember 2017, 21:11

Johnny Hallyday ist verstorben

In Deutschland hat man ihn vielleicht nicht so sehr als großen Künstler wahrgenommen, in Frankreich war er mehr als das. Er war eine nationale Institution.

Um eine Ahnung von seiner Bedeutung für unser Nachbarland zu bekommen, genügt ein Blick in die französische Presse. Die Internetseiten von Le Monde und Figaro werden heute dominiert von Artikeln über ihn. Auch die gedruckte Ausgabe von Le Monde erweist ihm höchste Ehre. Die Titelseite, sonst eher von staubtrockenen Artikeln aus Politik und Wirtschaft dominiert, gehört heute zu zwei Dritteln allein ihm, einschließlich eines großen Photos. Dazu gibt es eine Sonderbeilage von acht (!) Seiten mit vielen Bildern und ausführlichem Nachruf.

Seine Musikerkarriere begann 1959. Mit seinen Kumpels Jacques Dutronc und Claude Moine, die später ebenfalls bekannte Musiker wurden, letzterer unter dem Künstlernamen Eddy Mitchell, traf er sich in Pariser Clubs. Man hörte amerikanische Platten aus der Juke-Box, sah amerikanische Filme mit Elvis Presley, James Dean und Marlon Brando. Er nahm an Gesangswettbewerben teil und hatte Ende 1959 seinen ersten Radioauftritt als Johnny Halliday (mit nur einem y). Kurz danach erhält er seinen ersten Plattenvertrag bei Vogue, jetzt als Johnny Hallyday mit zwei y. Er singt französische Versionen von US-Hits, aber auch Titel, die für ihn geschrieben wurden. Zunächst bleibt er dem Rock'n'Roll verbunden und wird so zu einem Idol der französischen Teenager in einer Zeit, die in Frankreich als « les années yé-yé » bezeichnet werden. In den folgenden Jahren paßt er sich jedoch zügig neuen Musikrichtungen an, von Rock'n'Roll über Twist und Soul zu Rock und schließlich Chanson. Es gibt von ihm französische Versionen von « Black is Black », « House of the Rising Sun » und Jimi Hendrix' « Hey Joe ». Bis Mitte der siebziger Jahre dauert seine Erfolgssträhne, dann wird es musikalisch ruhiger um ihn. Mitte der Achtziger ist er wieder da. Für jüngere Musiker wie Francis Cabrel oder Stephan Eicher gehört es nun zum guten Ton, mit Hallyday zusammenzuarbeiten. Am 15. Juni 2013, seinem 70. Geburtstag, gibt er im Pariser Palais Omnisports ein Konzert, das vom Fernsehen übertragen wird. 6 Millionen Menschen sitzen vor den Bildschirmen.

Vier Generationen von Franzosen sind mit seiner Musik aufgewachsen.
Sein Schaffen umfaßt 50 Studio- und knapp 30 Livealben. Dazu kommen noch ca. 100 Eigenkompositionen.
Dazu kommen aber auch über 20 Spielfilme, in denen er als Schauspieler mitgewirkt hat.

Heute ist er im Alter von 74 Jahren gestorben. Frankreich trauert.

Gruß
TSF
(Daten zitiert nach Le Monde)

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Sonntag, 10. Dezember 2017, 08:52

Die franzäsische Variante zu Peter Kraus. Zugegeben mit etwas mehr Pathos. Ich persönlich fand die Originale wie Elvis oder Jerry Lee Lewis interessanter. Allerdings scheint es in Frankreich tatsächlich ein nationales Ereignis zu sein.

VG Martin

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Sonntag, 10. Dezember 2017, 18:40

Für die Anfangszeit von Hallydays Karriere paßt der Vergleich mit Peter Kraus sicherlich. Ihn auf die Rolle des ewig jugendlichen Rock'n'Rollers zu reduzieren, würde seiner Bedeutung für die Musikszene allerdings nicht gerecht.
Wie schon erwähnt, hat Hallyday sich immer neuen Musikstilen angepaßt. Vom Rock'n'Roller wurde er zum respektierten Soul-, Blues- und Chansoninterpreten. Dank dieser Wandlungsfähigkeit hat er im Lauf der Jahrzehnte immer neue Publikumsschichten für sich begeistern können.
Die erwähnten vier Generationen, die seine Musik schätzten, waren keineswegs eine Minderheit, die eben noch immer dem Rock'n'Roll der Fünfziger nachhing, sondern es waren Leute mit recht unterschiedlichem Musikgeschmack. In den neunziger, 2000er und 2010er Jahren, also Jahrzehnte nach seinem Karrierebeginn, füllte er noch immer das Prinzenparkstadion und das Stade de France im Rahmen seiner Tourneen an jeweils mehreren Abenden hintereinander. Sein Erfolg spiegelt sich auch in über 100 Millionen verkauften Tonträgern wider.
Mit dieser langen und konstant erfolgreichen Karriere hat er so manchen europäischen Künstlerkollegen aus den Fünfzigern und frühen Sechzigern weit hinter sich gelassen.

Am gestrigen Samstag fand übrigens die Trauerfeier für Johnny Hallyday statt.
Zunächst bewegte sich die Wagenkolonne, begleitet von zahlreichen Polizisten auf Motorrädern und einem Hubschrauber, von Marnes-la-Coquette, wenige Kilometer südwestlich von Paris, wo er ein Anwesen besaß und wo er in der Nacht zum Mittwoch verstorben war, zur Aussegnungshalle in Nanterre, einige Kilometer nördlich. Von dort ging es dann nach Paris, wo eine große Menschenmenge ihm das letzte Geleit gab. Die öffentliche Trauerfeier fand im Beisein von Staatspräsident Macron in der Eglise de la Madeleine statt, in der die Öffentlichkeit in der Vergangenheit schon von anderen Künstlern Abschied genommen hat, darunter Frédéric Chopin und Josephine Baker. Die Beisetzung soll am morgigen Montag auf der Antilleninsel Saint-Barthélémy stattfinden, wo Hallyday ebenfalls ein Anwesen besaß.


Gruß
TSF